Fussball: So kompliziert ist die Auslosung zur EM 2020

Die Qualifikation ist eigentlich eine Pflichtaufgabe für die Schweizer Fussballer – erst recht mit einer doppelten Chance. Der Modus verspricht aber Chaos.

Am Sonntag werden in der irischen Hauptstadt Dublin die Qualifikationsgruppen zur Fussball-EM 2020 ausgelost. 55 Mannschaften wollen sich für die Europameisterschaft qualifizieren, 24, also fast die Hälfte, werden am Ende dabei sein. Für die Schweizer Nati sollte die Quali also eigentlich kein Problem darstellen, immerhin haben sie vor kurzem erst Belgien mit 5:2 weggefegt und damit ihre Gruppe in der UEFA Nations League gewonnen.

Mehr Probleme als die Schweizer Schütteler könnten am Sonntag die UEFA-Funktionäre haben. Um die EM-Gruppen auszulosen, müssen sie nämlich auf gefühlte fünfzig Dinge schauen. Ein Überblick:

Die Gruppengrösse

Das Kleinste Problem. Für die EM-Quali wird es zehn Gruppen geben. fünf Fünfer- und fünf Sechsergruppen. Die vier Sieger der Nations League (die Schweiz, Portugal, die Niederlande und England) sind in einer Fünfergruppe als Gruppenköpfe gesetzt. Ein weiteres Team kommt in die letzte Fünfergruppe und der «Rest of the Best» führt die Sechsergruppen an. Dann fängt es aber schon bald mit den Einschränkungen an.

Jeder darf Gastgeber spielen

Die Europameisterschaft 2020 ist die, vor der wir schon vor Jahren den Kopf geschüttelt haben. Es wird kein Finalturnier im klassischen Sinn geben, nix mit Sommermärchen à la WM 2006 in Deutschland, nix mit EM-Euphorie wie 2008, als das Turnier in der Schweiz und in Österreich stattfand. Stattdessen gibt es 12 Gastgeber. Zwölf! 

Nun sind die Gastgeber üblicherweise automatisch für Turniere qualifiziert; mit so einem Haufen Länder wäre das aber kaum machbar, sonst wäre die Hälfte der Teilnehmerplätze schon gratis vergeben. Aber die UEFA kommt den Austragungsländern zumindest ein bisschen entgegen: Sie will es immerhin theoretisch möglich machen, dass sich alle von ihnen qualifizieren. Und weil sich pro Quali-Gruppe nur zwei Teams einen Platz im Endturnier sichern können, dürfen auch nicht mehr als zwei Gastgeber in der gleichen Gruppe spielen. Sind also beispielsweise Italien und Russland zusammen in der Gruppe, darf ihnen Irland nicht mehr zugelost werden. Oder Aserbaidschan (ja, auch Aserbaidschan ist ein Austragungsland).

Keine Streithähne, bitte

Aufgrund der Politischen Lage darf der Kosovo in seiner Qualifikationsgruppe nicht auf Serbien oder Bosnien & Herzegowina treffen. Das Britische Überseegebiet Gibraltar (auch die haben eine Nationalmannschaft) darf nicht gegen Spanien antreten. 

Keine Gfrörli-Liga

Weil die EM-Quali zu einem Teil im Winter stattfindet, will die UEFA verhindern, dass mit Schlittschuhen und Schneeschaufeln gespielt werden muss. Sie hat daher eine Reihe «Nationen mit strengem Winter» definiert. Die Schweiz ist nicht dabei, dafür etwa Island, Norwegen, Weissrussland oder die Ukraine. Von denen dürfen auch höchstens zwei in einer Gruppe stecken, um die tiefwinterlichen Spiele in wärmere Gefilde verlegen zu können.

Weltreisen verhindern

 «Um die Reisestrapazen auf ein Minimum zu begrenzen», schreibt die UEFA, werden Paarungen zwischen Ländern, die besonders weit auseinanderliegen, beschränkt. So ist pro Gruppe nur eine Extrem-Reise-Paarung erlaubt. Spielt Kasachstan gegen Frankreich, darf Schottland nicht auch noch in die Gruppe. Ist Island mit Aserbaidschan in der Gruppe (schon wieder die), darf ihnen nicht noch Israel zugelost werden.

So. Das hätten wir. Irgendwie werden sie's am Sonntag schon schaffen und auch mit all diesen Beschränkungen ihre Qualifikationsgruppen auslosen. Dann kann's mit der Quali losgehen. Wie gesagt kommen die zwei besten Teams pro Gruppe ans Finalturnier. Aber das ist noch nicht ganz alles. Wer's gemerkt hat: 10 Gruppen mal 2 Teams gibt erst 20. Fehlen also noch vier Teams zum kompletten EM-Aufgebot. Und hier kommt noch einmal die UEFA Nations League ins Spiel. 

Im kommenden Frühling findet in Portugal ein Finalturnier der vier besten Teams statt, dort geht es um den Titel als Nations-League-Sieger. Sonst um nichts.

Nach der EM-Quali gibt es aber gleich nochmal vier solcher Finalturniere. Und zwar mit den jeweils Besten Teams pro Liga, die sich nicht via Quali für die EM qualifiziert haben. Schafft es die Schweiz also nicht, sich in der Gruppe durchzusetzen, darf sie nochmal ran. Schafft sie es, rutscht die nächstbeste Mannschaft nach und spielt in dieser Hoffnungsrunde um die Qualifikation. Witzig dabei ist, dass es garantiert ein Team der tiefsten Liga schaffen wird, an die EM zu kommen. Die heissesten Kandidaten dafür: Georgien, Weissrussland, Kosovo und Mazedonien. Nein, für einmal nicht Aserbaidschan.

Von Matthias Gräub, veröffentlicht am 30/11/2018