Eisenbahn-Graffiti: Die SBB sind ganz und gar nicht amüsiert

Der Instagram-Kanal paintedtrains zeigt Bilder von Graffiti auf Zügen. Der momentane Renner: Ein SBB-Zug mit Koks schnupfenden Flügeltüren .

Mehr als 5000 Likes hat das fünfsekündige Gif, das nichts weiteres zeigt als die Tür eines Zürcher Doppelstöckerzugs, die sich öffnet und wieder zugeht. Der Witz am Video ist die Türdekoration: Die beiden Flügeltüren sind je mit einem Nasenflügel besprayt, aus denen ein Röhrchen ragt. Geht die Tür auf, schnupft die Koksnase eine dicke, weisse Spray-Linie.

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Der besprayte Zug in Zürich ist nur eine von mehr als 10'000 Aufnahmen auf dem Instagram-Channel paintedtrains. Sie alle zeigen Graffiti auf Zügen. Mehrheitlich in Belgien, aber auch anderswo in ganz Europa. Rund 66'000 Follower hat der Channel. Die verzierten Züge haben also durchaus eine Fanbase. 

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Teurere Billets wegen Graffiti?

Während die Mehrheit der Beiträge aus mehr oder weniger kunstvoll gestalteten Schriftzügen besteht, sind auch ein paar bemerkenswerte Malereien darunter zu finden.

Weshalb diese aufwändigen und kunstvollen Graffiti auf Zügen eher die Ausnahme sind, liegt auf der Hand: Sie sind erstens Illegal und zweitens haben Züge zuweilen die unpraktische Eigenschaft, dass sie einfach davonfahren. Zumindest das zweite Problem stellt sich bei Mauern selten. 

Wie die belgischen Bahnen auf die Sprayer-Seite auf Instagram reagiert, ist unbekannt (auch, ob sie ihnen überhaupt bekannt ist). Wohl aber macht ihr Schweizer Pendant, die SBB, keinen Hehl daraus, dass sie gar keine Freude an dieser Art von Kunst haben. Auf ihrer Webseite schreiben die Bundesbahnen:

«Vandalismusschäden an Fahrzeugen der SBB belaufen sich jährlich auf über fünf Millionen Franken, 2017 waren es 5,4 Millionen Franken. Jeder Schaden und jedes Graffiti verursacht Kosten, die zur Belastung der Jahresrechnung der SBB führen. Im Endeffekt beeinflussen Vandalenakte deshalb indirekt auch die Berechnung der Billettpreise, denn in der Konsequenz müssen Kunden über den Billettpreis oder über Steuern die Zeche für Vandalismus und Graffiti zahlen.»

Den Sprayern wird's egal sein. Und ob man die Eisenbahn-Graffiti nun für Kunst oder für Schmierereien hält: Die Subkultur floriert. Eine der bekanntesten Schweizer Graffiti-Crews, die Zürcher KCBR (sie steckt auch hinter der Koksnase auf der Doppelstöcker-Tür) zeigt in einem Video das aufregende Sprayerleben zwischen Adrenalinkick und Flucht vor den Behörden.

Züge scheinen auf Sprayer eine ganz besondere Faszination auszuüben. Der Gedanke, seinen (Künstler-)Namen durch die ganze Schweiz fahren zu sehen, mag manch einen reizen. Wie die SBB schreiben wird jedoch versucht, versprayte Züge innert eines Tages aus dem Verkehr zu nehmen: «Denn je schneller Graffitis entfernt werden, desto geringer ist der Anreiz für Sprayer, solche anzubringen.»

Eisenbahnzüge können für Sprayer aber auch ein Sprungbrett in eine legale Graffiti-Karriere sein. So etwa im Fall von Philippe Baro, der auf seiner Webseite unter anderem eine Galerie versprayter Züge zeigt – nicht ohne Stolz, wie es scheint.

Dazu schreibt er:

«Diese Fotos sind Erinnerungen an meine ‹Kunstschule›. Für die meisten dieser Züge habe ich meine Schulden bei den Bahngesellschaften abbezahlt – und der Rest ist verjährt.»

Heute ist Baro professioneller Sprayer und verschönert auf Auftrag Autos, Wände und Ladenschilder mit Graffiti.

 

Von Matthias Gräub, veröffentlicht am 10/12/2018

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