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Diese Ausstellung zeigt, wieso das Internet für Frauen nichts besser gemacht hat

Und es wartet ein rosaroter Gynäkologenstuhl.

Post-Cyber-Feminismus. Puh. Was das Migros Museum für Gegenwartskunst derzeit als Ausstellung anbietet, will erst einmal verdaut sein. Aufgedröselt, wie die Business-Macker zu sagen pflegen. Nun gut, spielen wir Business-Macker und schlüsseln ganz vereinfacht auf.

Was Feminismus ist, braucht hoffentlich keine Erklärung.

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Cyber-Feminismus war eine Bewegung in den 1990er-Jahren. Eine Hoffnung in Feministischen Kreisen, dass der Stellenwert der Frau im Internet-Zeitalter verbessert wird. Eine berechtigte Hoffnung, man dachte sich, der Cyberspace sei ein geschlechtsfreier Raum, der Frau und Mann und alles was dazwischenliegt, gleichwertig macht.

Heute leben wir im Zeitalter von Youtube-Schminktipps und Füdlischwingvideos, von Busenwundern in Computerspielen und von Algorithmen, die auf Diskriminierung programmiert sind.

Es ist also Zeit, nochmal von neuem hinzuschauen. Zeit für einen Post-Cyber-Feminismus, der all die ge- und zerstörten Hoffnungen mal Revue passieren lässt. Genau das ist derzeit im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich zu sehen, unter dem Titel Producing Futures – An Exhibition on Post-Cyber-Feminisms

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Kopf im Arsch und Haare drüber

Die Schau ist ähnlich schwer verdaulich wie die Tatsache, dass das Internet quasi nichts besser gemacht hat (und das Wort Post-Cyber-Feminismus). Sie ist eine wütende Darstellung der digitalen Gegenwart. Eine zynische Betrachtung des Status Quo. Das zeigen etwa die Frauenfiguren von Anna Uddenberg. Modellierte Frauenkörper in Leggins und Yogapose, Kopf im Arsch und lange Haare drüber, weil aufs Gesicht kommts ja nicht an. Hallo Schönheitsideal im Internetzeitalter!

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Mit der fragwürdigen Magie von Youtube hat sich die kalifornische Künstlerin Mary Maggic auseinandergesetzt. Im Stil von Schmink- oder Kochvideos hat sie ihren eigenen (fiktiven) Channel gegründet mit einem Tutorial zur Östrogen-Gewinnung. Ganz einfach, mit dem mobilen Köfferli-Set. 

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Kaum zu verfehlen in der Ausstellung ist der pinkfarbene Gynäkologenstuhl, dem ein ganzer Raum (mit pinken Wänden) gewidmet ist. Tabita Rezaire hat ihn gestaltet und bezeichnet sich selbst als «digitale Heilungsaktivistin». Der Bildschirm, getarnt als Relax-Video für Patientinnen auf dem Gynäkologenstuhl, prangert in Wirklichkeit die sexuelle Ausbeutung afrikanischer Frauen an.

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Andere Künstlerinnen haben sich kritisch im Cyber-Raum von Second Life umgeschaut, digitale Avatare kreiert, die als verlorene Seelen in den Weiten des Internets rumschweben müssen oder die sexualisierte (oder zumindest geschlechter-fixierte) Bildsprache der Werbung aufs Korn genommen. Eine Verbindung zwischen Renaissance und Cyberspace machen die Drucke von Lynn Hershman Leeson mit dem Titel Digital Venus. Meisterwerke mit Schaltkreisen quasi.

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Das Fazit der Ausstellung auf den ersten Blick scheint klar: Das Internet hat es nicht geschafft, die Geschlechter- und Sexismusdebatte zu entschärfen. Gut, das wissen wir heute auch so. Was sich geändert hat, sind höchstens die Antworten auf Fragen wie «was ist männlich, was ist weiblich?» Und geändert hat sich wohl auch der Übergang zwischen den zwei (?) Geschlechtern. In Zürich zeigt das der auf Leinwand gebannte Ausdruckstanz der gendergrenzen überschreitenden Kunstfigur Boychild. Oder die Blümchentapete der transsexuellen Künstlerin Juliana Huxtable, die eben keine Blümchen zeigt, sondern Geschlechtsorgane.

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Producing Futures – An Exhibition on Post-Cyber-Feminisms. Im Migros Museum für Gegenwartskunst, Limmatstrasse 270, Zürich. Noch bis am 12. Mai.

Von Matthias Gräub, veröffentlicht am 19/04/2019

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