Ein ETH-Forscher zeigt unsere Gletscher im Zeitraffer

Wir sind mitten in einer Eiszeit, sagt Julien Seguinot. Der Schweizer Gletscher-Experte hat mit seinem Team die letzten 120'000 Jahre in den Alpen simuliert - das Resultat sieht faszinierend aus.

Vor 120'000 Jahren war nichts mit Skifahren in der Schweiz. Nicht nur, weil die Gondelbahn noch nicht erfunden war; es hatte schlicht kaum Schnee in den Alpen. Dann aber breitet sich die weisse Decke in einem Höllentempo aus, bedeckt Graubünden, das Berner Oberland. Zieht sich zurück und wird wieder grösser. Bis die Schneefläche Bern erreicht, das war vor etwa 70'000 Jahren. Und vor 20'000 Jahren war sogar der halbe Bodensee unter dem Gletschereis versteckt.

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Julien Seguinot von der ETH Zürich hat ein Zeitraffer-Video veröffentlicht, das die Gletscher-Geschichte der letzten 120'000 Jahren aufzeigt. Für die zwei Minuten Video mussten die Wissenschaftler mehr als 500 Rechner während eines ganzen Monats rattern lassen, so aufwändig waren die Berechnungen.

«Wir haben ähnlich gearbeitet wie Flugzeugbauer, die Luftströmungen um die Flügel berechnen. Nur dass Gletscher viel zähflüssiger und langsamer fliessen.»

Jedes Tal hat sein eigenes Klima

Natürlich haben die Forscher ihre Maschinen nicht nur so lange laufen gelassen, damit sie am Ende ein hübsches Video haben. Sie wollten neue Erkenntnisse gewinnen, die sie mit gewöhnlichen Mitteln nicht bekommen hätten. Etwas fand Seguinot besonders interessant:

«Wir sehen jetzt, dass sich die Gletscher im Laufe der Jahrtausende viele Male zurückgezogen und wieder ausgebreitet haben. Das finden Geologen, die vor Ort Steine sammeln nicht heraus. Ausserdem sehen wir, dass jedes Tal sein eigenes Klima hat und sich etwas anders verhält als das Nachbartal. Das könnte erklären, weshalb die Klimadaten aus der Schweiz, Frankreich und Österreich oft nicht miteinander übereinstimmen.»

Seit etwa 20'000 Jahren, das zeigt das Video, zieht sich das Eis rund um die Alpen allmählich zurück. Übrigens: Erst jetzt wird Venedig allmählich zur Küstenstadt; die Adria bildet sich gerade erst. Die Karte wird wieder immer brauner. Die Eiszeit scheint ein Ende zu haben. Oder doch nicht?

«Wir sprechen von einer Eiszeit, solange mindestens einer der beiden Erdpole von Eis bedeckt ist. Die Gletscher ziehen sich zwar derzeit weltweit zurück, aber die Polkappen sind noch weit von einer Schmelze entfernt. Wir befinden uns also noch in einer Eiszeit.»

Was die menschgemachte Klimaerwärmung angeht, darüber kann Gletscherforscher Seguinot mit seiner Simulation nicht viel aussagen. Der Massstab der Simulation sei viel zu gross. Es gäbe andere Forschungsprojekte, die das viel lokaler und genauer untersuchten. Er sagt aber::

«Ob es in Grönland und der Antarktis noch lange Eis hat, hängt vor allem davon ab, wie viel CO2 wir in den nächsten Jahrzehnten in die Atmosphäre ausstossen.»

Von Matthias Gräub, veröffentlicht am 15/11/2018